AlterEditorial

Man muss sich täglich selbst retten

Alles altert von Geburt an – das ganze Leben lang. Für manche ist Altern ein Abwehrkampf gegen die Zumutungen des Lebens. Sie wollen Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares, vielleicht zufällig Erscheinendes oder absichtlich Boshaftes bewältigen. Für andere ist Altern durch herbe Enttäuschungen gekennzeichnet, durch die sie bestenfalls gewachsen sind und sich entwickelt haben. Wieder andere auf am anderen Ende eines Spektrums, erfahren sich als Glückselige die jedes Alter als ein an Empathie reiches Gestalten und freudvolles Pflegen erleben dürfen.

In jedem Fall – und da stimme ich ganz mit dem alten Cicero überein – ist jedem Alter seine ihm eigene Herausforderung eigen. Im höheren Alter wird die Herausforderung zunehmend in den dokumentierten Akten des eigenen Lebens oder im befriedigenden Zugang zur eigenen Spiritualität gesucht. Für Jüngere bestehen die Herausforderungen altersgemäß vielleicht im Zähne kriegen, Schnuller ablegen oder eigene Identität entwickeln. Bestimmt kann all dies weder als schwerer noch als leichter gewertet werden.

Verbindliche zwischenmenschliche Beziehungen helfen, die Herausforderungen in jedem Alter besser anzunehmen und gelingend zu wenden. Solche helfenden Beziehungen sind von Vertrauen in das Gegenüber und gegenseitige Freude getragen. Sie als nahe, das heißt notwendig als intime und informelle Beziehungen erfolgreich aufzubauen und zu pflegen, stellt eine Herausforderung dar, die jedes Alter überdauert.

Und wenn wir schließlich bewältigend, kämpfend oder glücklich im höheren Alter angekommen sind, wenn der Sterbeprozess als letzte Altersherausforderung ansteht, der in seiner Vollendung notwendig mit „Nein!“ endet, was dann? „Na dann“, antworte ich meinem fast vierjährigen Philosöhnchen, „dann hört das Altern auf.“ Aber was hört da genau auf an jenem Tag X, von dem manche meinen, dass er bereits mit unserer Geburt vorherbestimmt ist? Das kann kein lebender Mensch wissen. Denn Lebende trennt zumindest die Sprache von den Toten, die bekanntermaßen schweigen.

Nils Adolph

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