Sehr geehrte pflegende Angehörige, Pflegebedürftige und jene die es einmal werden

Nils Adolph
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Letzte Nacht im Traum klopft es an meiner Zimmertür und eine Pflegerin kommt – guten Morgen wünschend – an mein Bett heran. Instinktiv realisiere ich, dass wir beide eine intime Beziehung haben, obwohl sie mir unsympathisch ist. Plötzlich deckt sie meine linke Körperhälfte komplett auf. Ich friere nicht. Mein Bein ist in dicke Binden eingebunden. Ein langer Schlauch führt zudem daran entlang und verschwindet unterm Bett. „Das sieht gut aus“, sagt die Uniformierte. Der mangelhaft überspielte Ekel in ihrem Gesicht passt nicht zur Aussage. Mit angewiderten Gesten zwar, aber pflichtgemäß, greift sie zum Schlauch. „Sie entleeren meinen Urinbeutel?“, stelle ich geistlos und rhetorisch fest. „Ja“, fährt sie barsch herum, „hätte ihr Nachbar sie liegen lassen,“ ich zucke zusammen, „müsste ich das nicht tun.“ Jetzt möchte ich den Traum beenden und wache auf.

Parantatatam, nach der Dusche beim Frühstück wird mir einiges klar. Es gibt keine selbstlosen, mit göttlicher Liebe ausgestatteten und im Idealfall heiligen Pfleger*innen mehr. Jede Sehnsucht danach widerspricht meiner Erfahrung. Die im Traum erlebte Beziehung zur unsympathischen Pflegerin, ihr Ekel und meine ängstliche Hilflosigkeit das ist viel eher die Wirklichkeit. Sicherlich handelt die Pflegerin pflichtgemäß. Ich würde es hingegen vorziehen, wenn sie mir wenigstens ein bisschen zugeneigt wäre. Lässt sich ihre Zuneigung irgendwie bewerkstelligen?

Ratlos greife ich in meine Bibliothek und ziehe Patrik Schuchter, den philosophierenden Krankenpfleger heraus. Er hat sich den Kopf darüber zerbrochen wie man dem hilflosen Gegenüber besser gerecht werden kann. In seinem 2016 erschienen Werk stellt er fest, dass Pflege in erster Linie auf der Selbstsorge der Pfleger*innen beruht. Erst in zweiter Linie geht es um Nächstenliebe. Verständlich ist mir das anhand des christlichen Gebots: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl. Mark. 12, 39). Nächstenliebe beruht diesem Verständnis nach auf der vorgängigen Selbstliebe. Alles andere ist Quark, nämlich ungerecht, entfremdend, verdinglichend oder instrumentalisierend.

Wie puzzelt Schuchter schließlich seinen zerbrochenen Kopf wieder neu zusammen?

Zunächst sieht er das komplexe Verhältnis von Selbst- und Nächstenliebe als eines an, das jeweils neu auszuhandeln ist. Dazu fordert er eine „horizontale“ Ethik und „empathische Organisationen“ ein. Denn erst auf Augenhöhe gibt es zwischenmenschlichen Raum in dem Pfleger*innen sie selbst sein und sich selbst erkennen können. Befreit von ihrem stahlharten Gehäuse der Hörigkeit können sie sich auf einen Weg zu den Leidenswirklichkeiten und Leidensmöglichkeiten des Pflegebedürftigen machen. Ein Weg auf dem sich die einen auf die anderen beziehen, sich gegenseitig zu denken geben lassen, miteinander ins Gespräch kommen.

„Ja!“, denke ich, „so stelle ich mir meinen Pfleger auch gerne vor.“ Dann drehe ich meinen Kopf schräg und träume von einer „horizontalen“ Ethik die sich im Rahmen einer „empathischen Organisation“ im Dietenbach einst für meine letzten Tage realisiert haben wird.

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