Die Kunst zufrieden und schön alt zu werden

Traumasensibles Yoga in der Arbeit mit älteren Menschen

1. Altwerden heißt Wesentlich werden

Es hat sich mittlerweile in der Gesellschaft herum gesprochen, dass Yoga dabei hilft, sich körperlich und geistig möglichst lange gesund und fit zu halten. Ein Yoga, das sich jedoch hauptsächlich daran orientiert, den Alterungsprozess zu verzögern oder zu verdrängen, vernachlässigt die spirituelle Dimension. Wie können wir im Alt-Werden einen Sinn finden? Altwerden ist nichts für Feiglinge sagt der Volksmund. Poetischer formuliert drückt Hermann Hesse in dem Gedicht „Stufen“ den gleichen Sachverhalt aus: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden. Wohlan denn Herz nimm Abschied uns gesunde.“ Der Zeitgeist tabuisiert das für uns Alle unausweichliche Thema und versucht mit vielfältigen Mitteln und Wegen es herauszuzögern; Trainieren und Üben ist das Motto, damit wir „fit bis ins hohe Alter“ bleiben. Gleichzeitig wird betont und gewarnt, dass wir eine „alternde Gesellschaft“ sind, in der die Menschen immer älter werden und immer weniger Kinder geboren werden. Und mit jedem Jahr des Älterwerdens steigt – wenn man bisherigen Statistiken glaubt – das Risiko, dement zu werden.

Welche Aufgaben und Herausforderungen stellen sich im Prozess des Älter- und Altwerdens? Die Beobachtung zeigt: Die Sinnesorgane (Sehen, Hören) lassen nach, der Mensch bekommt nicht mehr so genau Alles mit, was um ihn herum passiert, er wird langsamer, hat nicht mehr so viel Kraft, die Abwehrmechanismen lassen nach, das Kurzzeitgedächtnis fällt schwerer, das Langzeitgedächtnis nimmt zu. Alles Prozesse, die dem gegenwärtigen Motto „Schneller, weiter, höher“ zuwider laufen. Heute ist Multitasking angesagt, wer nicht zeitschnell über wichtige Details der Politik, der Wissenschaft oder der Kultur- und Medienlandschaft informiert ist, wird belächelt und nicht ernst genommen. Altwerden ist also „un-cool“. Oder könnte man vielleicht auch andersherum sagen: Altwerden ist eine Hilfe, ungesunde Einstellungen zu hinterfragen? Loslassen ist Befreiung von Ballast. Die meditativen Übungen und Atemübungen im Yoga führen zu Ruhe und helfen, das Wesentliche vom Unwichtigen zu trennen.

Ha-Tha-Yoga lehrt uns, gegensätzliche Pole als Einheit zu betrachten. Zur Einatmung gehört die Ausatmung, zur Anspannung die Entspannung, zum Wachsen das Schrumpfen. Im Alter ist dran, die Qualität des Loslassens zu entwickeln. Vielleicht kann Loslassen auch einen Gewinn bringen, im Sinne von Wesentlicher werden? Wenn Multitasking nicht mehr funktioniert, müssen wir Prioritäten setzen: Was ist wirklich wichtig? Vielleicht brauchen wir weniger, wenn wir uns auf das wirklich Wichtige tiefer einlassen und dies lieben und schätzen? Ein berührendes Gespräch kann unter Umständen mehr befriedigen als viele oberflächliche Small talks, ein Musikstück mehr bedeuten als Dauerberieselung?

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2. Das Herz wird nicht dement

Udo Baehr hat ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel: „Das Herz wird nicht dement“1. Es weist auf die Fähigkeit des Herzens hin, nicht zu altern. Die Fähigkeit, mit dem Herzen zu sehen, nimmt im Alter eher zu. Die englische Übersetzung von „auswendig lernen“ ist „learning by heart“ und weist auf diesen Zusammenhang hin. Ereignisse, die etwas mit dem Herzen zu tun haben, egal ob Freud oder Leid, werden selten vergessen, sie bleiben abgespeichert. Die Entscheidung, ob Erlebnisse des Kurzzeitgedächtnises im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden, fällt in aller Regel das Herz, es weiß am besten, was wichtig ist. Eine äußere Pflichterfüllung ist ab Rentenbeginn nicht mehr nötig, jetzt darf das Herz bestimmen. Unsere beiden Rhythmusorgane entscheiden über Leben und Tod. Wenn das Herz nicht mehr schlägt, der Atem nicht mehr fließt, ist es zu Ende. Diese eigentlich so banale Feststellung weist den Weg zu dem, wie wir uns selbst und unsere Mitmenschen im gesunden Alterungsprozess unterstützen können. Brustkorb- und Herzraum öffnende Yogaübungen sind auch bei eingeschränkter Mobilität noch möglich und sollten in keiner Yogastunde fehlen.

Solange wir in Resonanz mit unserer Umwelt sind, bleiben wir lebendig. Es ist ein Genuss, Hartmut Rosa bei seinen Vorträgen über „Resonanz als Beziehungsmodus und Welterfahrung“ zu lauschen. Ob ich mit Musik, mit Geschichten, den Gefühlen anderer Menschen oder einem Sonnenuntergang in Resonanz trete, das heißt: mich berühren lasse, ist nicht entscheidend und individuell verschieden. Wenn die Welt jedoch insgesamt verstummt, bin ich innerlich tot. Die Schwingungsfähigkeit ist eine Ressource, die im Alter noch wachsen kann: z.B. Bei einem Waldspaziergang z.B. die verschiedenen Sinnes-Kanäle zu öffnen und achtsam nachwirken lassen.

Es gibt Kulturen, wo man sich ein langes Leben wünscht. Ein langes Leben, weil nur das die Chance mit sich bringt, „alt und weise“ zu werden. Ein älterer Mensch, der sich von den vielen Änderungen und Updates im Bankwesen, am Fahrkartenschalter oder beim Computer hilflos und überfordert fühlt, kann dafür bei Problemen, die einen jüngeren Berufskollegen nervös machen, mit der Ruhe und Kompetenz der langjährigen Erfahrung diesem eine große Hilfestellung bieten. Das Wort „Altersweisheit“ ist außer Mode gekommen, es ist an der Zeit, es neu mit Inhalt und Aktualität zu füllen.

3. Erinnerungspflege und traumasensibles Yoga (Abkürzung: TSY)

Im Alter lassen die Abwehrmechanismen nach, weil diese Kraft brauchen, um unschöne Erlebnisse beiseite schieben zu können. Erinnerungen aus der Kindheit tauchen auf. Viele Menschen schreiben jetzt eine Autobiographie. Im Rückblick zeigt sich das Bedürfnis nach Überblick. Was war der rote Faden, was ist das Eigene, das Wesentliche, was ist meine Identität? Nach welchen Werten habe ich gelebt? Was war mir – ohne dass ich mir dessen immer bewusst war – wichtig? Das Alter lädt ein, nochmal mit dem Abstand und der jetzt möglichen Gelassenheit auf die Aufs und Abs des gelebten Lebens zu schauen. Rückblick – Sortieren – Unwichtiges abschütteln – wesentlich werden: Was ist noch nicht abgeschlossen, was will noch verdaut, verarbeitet werden? Wo ist Aussöhnung, Versöhnung und Akzeptanz notwendig? Zum Verarbeitungsprozess gehört das Erinnern. Zum Erinnern gehören die Gefühle, sie wollen wahrgenommen und ausgedrückt werden. Die Erfahrung zeigt, dass auch unschöne Erlebnisse milder und freundlicher werden, wenn sie einen empathisch zuhörenden Begleiter gefunden haben.

Yoga_Luft
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Es ist wichtig, auf eine gute Balance zwischen schönen und weniger schönen Erinnerungen zu achten. Die Drehübung kann hier eine Hilfe sein:

Drehübung

Nimm eine bequeme und aufrechte Sitzhaltung ein. Lass die Wirbelsäule nochmal nach vorne, hinten, rechts und links schwingen und nimm Kontakt mit Deinen Sitzbeinhöckern und dem Scheitelpunkt auf. Eine senkrecht aufgerichtete und flexible Wirbelsäule drückt Würde aus. Nun bitte ich Dich, Dir zwei Situationen vorzustellen aus der letzten Woche, die eine hat Dir schöne Gefühle gemacht, die andere unschöne. Lege die beiden Situationen in ein gedankliches Körbchen rechts und links. Ein Timer, der nach 60 Minuten klingelt, ist hilfreich. Beginne mit dem Spüren Deiner Mitte in Form der Wirbelsäule. Drehe Dich dann zu der Seite, wo die unschöne Situation liegt und beobachte, ob diese gedankliche Ausrichtung Deine Haltung, Deinen Atem verändert, ob sich andere, ähnliche Situationen eingeladen fühlen. Nach einer Minute kehre zur Mitte zurück, atme nochmal ein und aus und drehe Dich dann zur anderen Seite und beobachte die Wirkung. Nachdem Du dreimal in beide Richtungen gedreht hast, sammle die Früchte ein: Was hast Du beobachten können? Konntest Du einen Unterschied zwischen rechts und links beobachten? Haben sich die Gefühle der gleichen Seite zum nächsten Mal verändert?

Zurzeit steht eine Generation kurz vor oder nach dem Rentenbeginn, die noch die schwarze Pädagogik erlebt und Eltern gehabt hat, die unter den Folgen von Krieg, Naziregime oder Flucht gelitten haben. Zwei Drittel der heute in einer Alteneinrichtung lebenden Menschen haben traumatische Erfahrungen gemacht. Untersuchung zeigen einen Zusammenhang zwischen Trauma und Demenz2: Menschen, die unter einer Demenzerkrankung leiden, hatten in ihrer Vorgeschichte signifikant häufiger traumatisierende Erlebnisse zu verkraften. Die Symptome sind z.T. ähnlich: Unfähigkeit, sich klar und zielgerichtet auszudrücken, Erinnerungsverlust, Chaos im Kopf, Verwirrtheit, Schwindel, Desorientierung. Seit Erscheinen der Bücher „Verkörperter Schrecken“ 3 und „Das Gedächtnis des Körpers“4 wissen wir, dass biographische Ereignisse ihren Niederschlag nicht nur in der Seele, sondern auch im Körper gefunden haben. Die häufig vorhandene Abspaltung von Gefühl und Verstand weist auf die Bedeutung von Yoga, das den Zusammenhang zwischen Körper, Seele und Geist wieder herzustellen hilft.

Bessel van der Kolk konnte nachweisen, dass Yoga hilft, die drei Hauptsymptome einer Traumafolgestörung (PTBS)5 zu verringern und die HFV6 wieder zu erhöhen. Es gehört daher zu den Leitprinzipien des traumasensiblen Yoga, die Wahrnehmungsfähigkeit zu fördern statt der häufig vermittelten Leistungsorientierung, d.h. nicht auf die schöne, perfekte Form zu fokussieren, sondern die Verbindung mit dem eigenen Körper und die Spürfähigkeit zu achten. TSY hilft den Prozess des Auftauchens von Erinnerungen achtsam lenken zu können. Zum Trauma-Verarbeitungsprozess gehört der Wechsel von Auftauchen und Sinken lassen. Während die ruhig meditativen Übungen das Auftauchen fördern, lassen schwingende oder kraftvolle Asanas ein Bewusstsein von Möglichkeiten im Hier und Jetzt wachsen.

4. Weg zur Mitte

Die aufgerichtete Wirbelsäule, die in besonderem Maße unserer menschlichen Würde und Schönheit Ausdruck verleiht, ist Mittelpunkt und unser physisches Zentrum. Indem sie Kopf und Gehirn mit den Armen und Beinen verbindet, ist sie immer an der Beweglichkeit des gesamten Körpers beteiligt. Um ihre Funktionsfähigkeit, Flexibilität und Gesundheit möglich lange zu erhalten, sollten die sechs möglichen Bewegungsrichtungen, die es im dreidimensionalen Raum gibt, täglich geübt werden.

Graf Dürckheim spricht von drei Mitten, die einer Pflege bedürfen:

1. Unser Wurzelpunkt in der Mitte zwischen den beiden Sitzbeinhöckern (SBH), die Verbindung mit der Erde und deren Gesetzmäßigkeiten: Nach Übungen wie „auf den SBH laufen“, „beim Sitzen das Körpergewicht mal vor und mal hinter die SBH bringen“, ist das Bewusstmachen des Beckenbodens hilfreich. Nach Fußübungen im Sitzen und Stehen und Gleichgewichtsübungen kann sich ein Gespräch über die Frage: Was sind meine Wurzeln? anschließen.

2. Der Scheitelpunkt als höchster Punkt des Kopfes, wo die Augen weder depressiv nach unten noch hochnäsig nach oben gerichtet sind, sondern in Augenhöhe mit den Mitmenschen. Es kann hilfreich sein, mal ein Kissen oder Buch auf den Kopf zu legen. Meditative Übungen, Wechselatmung und Nicken um das Atlas-Gelenk, den obersten Halswirbel, der den Kopf trägt, können mit der Frage verbunden werden: Was sind meine Werte, was schenkt mir Sinn?

3. Das Herz, das Chakra befindet sich in der Mitte der sieben Chakren. Die Übung Öffnen und Schließen ist nährend: In bequemer Sitzhaltung die beiden Hände schützend vors Herz legen und einatmend die Arme in Schulterhöhe ausbreiten und ausatmend wieder vor dem Herzraum legen. Danach kann gefragt werden: In welchen Situationen geht Dein Herz auf? Was lässt Dein Herz schneller schlagen? Und auch: Welche Erlebnisse, Verhaltensweisen oder Menschen tun Dir nicht gut, wo ist es wichtig, Dich zu schützen und zu verschließen?

Bei Versteifungen, egal ob körperliche Einschränkungen oder seelische wie Unsicherheiten oder Ängste zugrunde liegen, sind rhythmische Bewegungen wie sich wiegen und schwingen wohltuend, auch schütteln einzelner Körperteile sowie der gesamten Wirbelsäule. Da Ältere häufig nur das Weniger werden wahrnehmen, kann Yoga helfen, das noch Mögliche in den Blick zu nehmen, indem einzelne Körperteile spielerisch erforscht werden: Was kann ich mit meinen Fußgelenken tun, was hilft mir, sicher auf beiden Beinen zu stehen? Was kann ich mit meinen Ellenbogen alles machen, bei welchen Bewegungen spüre ich eine Befreiung, welche Bewegung lieben meine Rückenmuskeln?

Das Loslassen ist neben dem Anspannen ein wesentlicher Teil des Ha-Tha-Yoga, ob es um Muskelgruppen oder den Atemvorgang geht. Zunächst wird geübt, die Verspannung in den Muskeln loszulassen, in einem weiteren Schritt dann auch die Gedanken, die sich immer wieder unaufgefordert in den Bewusstseinsraum einschleichen. Älter-Werden – ebenfalls ein Werdeprozess(!) – bedeutet, auch Eigenschaften und Fähigkeiten loszulassen, vielleicht auch Fähigkeiten, auf die ich bisher stolz war und zu meiner Identität gehörend betrachtet habe.

5. Schluss

Zum Rückblick gehört auch der Ausblick: Wie will ich sterben? Was ist für mich ein gelungener, ein schöner Tod? Ein Leitbild für einen erstrebenswerten Sterbeprozess findet sich in „Der kleine Prinz“ von Saint Exupéry:

Hast Du Angst vor dem Tod?“ fragte der kleine Prinz die Rose. „Aber nein, ich habe doch gelebt, ich habe geblüht und meine Kräfte eingesetzt so viel ich konnte. Und die Liebe tausendfach verschenkt. So will ich warten auf das neue Leben und ohne Angst und Verzagen verblühen.“, sagte die Rose.


1 Baehr, Udo, und Schotte-Lange, Gabi: Das Herz wird nicht dement, 2013, Beltz Verlag.

2 u.a.: Bauer, Joachim: Wie wir werden, wer wir sind.

3 Van der Kolk, Bessel: Verkörperter Schrecken

4 Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers

5 Die drei Hauptsymptome sind: Über- oder Untererregung (Hyper-/Hypoarousal), Vermeidung (von Situationen, die ans Trauma erinnern könnten) und Flashback (ungewolltes überwältigendes Wiedererinnern)

6 HFV die Herz-Frequenz-Variabilität bezeichnet die Spannbreite des Erlebens, also die Fähigkeit, sich – je nach veränderter Situation – sowohl freuen als auch trauern zu können

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