Dossier

Heimaten

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Für mich gibt es mindestens drei Heimaten.

1. Heimat
Hier und heute soll Heimat für mich eine gelungene Entscheidung sein. Bis zum Ende meines eigenen Lebens kann ich mich richtig oder falsch entscheiden, für oder gegen eine Heimat. Trotz meiner Entscheidungsgewalt muss ich jedoch ebenfalls berücksichtigen, dass auch Sachverhalte die ich nicht entscheiden konnte (zum Beispiel unbewusste, passive, vorgeburtliche etc.) relevante Entscheidung bezüglich meiner Heimat sind. Diesen Gedanken illustriere ich gerne etwas krasser – mit der Flucht meines Opas aus seinem schlesischen Geburtsort.

2. Heimat
Dass auch mein Opa sein Geburtsland nicht automatisch als »Heimat« empfinden musste (obwohl er es, glaube ich, tat), wird anhand Heinrich Heines Gedicht Die schlesischen Weber deutlich. Dort heißt es:

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande.“

Opas Entscheidung vor dem Krieg, seine Gebrochenheit nach dem Krieg (er lebte in einer Heimat, in der er eigentlich nicht leben wollte, und träumte von einer Heimat, die es so nicht mehr gab) spielen ebenfalls in das hinein, was ich »Heimat« nenne. Ich kannte ihn und kenne das – beispielsweise fahre ich Auto, obgleich ich weder Vergasen noch Explosionsmotoren oder Kollateralschäden mag.

3. Heimat
»Heimat« ist für mich – ziemlich unabhängig von politisch-juristischen Definitionen oder Abstammungsprinzipien – ein subjektives Empfinden. Bei Wikipedia versucht man gewieft mein Empfinden in kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und zeiträumlichen Dimensionen zu fassen. Gleichgültig, wie genau: Ich freue mich Heimat bei „Die Neuen Alten“ und der inklusiven Sozial- und Seniorengenossenschaft SAG ES! zu empfinden und beim Gedanken an die Utopie dahinter: das Gegenüber als liebenden Menschen sehen dürfen.

Nils Adolph

Dossier

Heimat Adelheid 4

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„Heimat ist der Ort, an dem man gebraucht wird; an dem man akzeptiert wird –
mit all seinen Schwächen, Illusionen und Hoffnungen.

Ali Samadi Ahadi (iranischer Filmemacher, u.a. „Salami Aleikum“)

Eigentlich bin ich ständig im Urlaub, lebe permanent in einer Ferienwohnung. So apostrophieren viele Besucher*innen meine Wohnsituation. Was meinen sie damit? „Hier ist alles so anders als bei mir daheim“, sagen sie. „Wie denn?“, frage ich. „So offen, sagen sie, so unkompliziert und frei.“ Exakt. Genauso fühle ich mich hier: offen, unkompliziert und frei – und darüber hinaus gesehen, geborgen, sicher. Und bürgerschaftliche engagiert wie viele hier.

Mag sein, dass ich bei geöffnetem Fenster an meinem Schreibtisch sitze und jemand auf dem Laubengang vorbeikommt. Kleine und große Leute, manche beladen mit Einkäufen, andere auf dem Weg zur Arbeit, zum nahegelegenen See oder „einfach so“. Sie grüßen oder nicht, halten ein Schwätzchen oder nicht. Ich sitze da – im Schlafanzug oder alltagstauglich – und freue mich, dass ich allein und in Gemeinschaft SEIN kann.

Im Treppenhaus begegnen mir Menschen, die ich mag. Ich gieße die Blumen der Nachbarn, sie geben meinen Pflanzen Wasser. Im Sommer frühstücken wir sonntags miteinander am großen Tisch im gemeinsamen Garten. Manchmal grillen wir zusammen, feiern Feste in einem der Gemeinschaftsräume oder auf dem Platz.

Und Klein-Felix ruft in all seiner morgendlichen Begeisterung durch den Laubengang: „Hallo Sigrid, was machst du heute?“ Lebendig, leise, laut und nie langweilig. Wie das Leben. Seit fast 10 Jahren lebe ich hier, in der Hausgemeinschaft Adelheid4 im Rieselfeld. Und erstmals in meinem Leben kann ich mit dem Begriff „Heimat“ etwas anfangen. Adelheid4 = Heimat.

Sigrid Hofmaier

Digitalisierung

Die Vorglühfunktion der Älteren

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DNA-Netzwerkgespräch zum Thema „Digitale Transformation“ mit 25 aktiven Teilnehmer*innen

Was für ein interessanter Abend! Darüber waren sich alle einig:

  • die jungen Programmierer aus dem Hochschul-Umfeld, die das digitale Nachbarschaftsprojekt „SoNaTe“ vorstellten,
  • die alten Hasen, die das bereits seit 20 Jahren bestehende – und international von über 16.000 Menschen genutzte – Portal „Seniorentreff“ von Merzhausen aus betreuen,
  • der digitale Basisansatz von „Frag Moritz“ und „Frag Anne“ im „aufLaden“ von Kommunikation & Medien e.V. und
  • die Talente- und Hilfe-App „imachs“ eines grenzüberschreitenden Trios junger Medieninformatiker.

Spannende Projekte mit Gelingenspotential für die ergänzende Kommunikation zwischen Menschen in Nachbarschaften, Quartieren und Regionen.

Grenzen übrigens gab es an diesem von DNA – DIE NEUEN ALTEN angestoßenen Netzwerkgespräch nicht! Weder Alter noch Vorkenntnisse, Status oder Amt spielten eine Rolle, alle konnten ihre Fragen stellen, ihr Anliegen schildern, ihre Freude über die globalisierten Chancen gegen Einsamkeit und ihre Besorgnis über die Ausmaße der Digitalisierung im täglichen Leben äußern. Alle wurden gesehen, gehört, ernstgenommen. So geht Netzwerken auf Augenhöhe und mit Vorfreude auf alles, was so möglich werden könnte!

Die ältere Generation – so ein jüngerer Teilnehmer, habe dabei eine „Vorglühfunktion“, dürfe sich nach vorne wagen und den Jüngeren ehrliche, authentische, echte Räume öffnen – denn: „Der digitale Raum ist voller Unechtheiten“ und „Identität ist das Gegengewicht der Globalisierung.“

Räume sind entscheidend für Begegnung – sei es digital oder analog. Darüber waren sich die Beteiligten einig. Nur so kann zusammenfinden, was zusammenpasst. So lautet denn auch ein vielbeklatschter Wunsch: Austausch leben, Erfahrungen sammeln, Synergien entwickeln. Das Fazit eines Teilnehmers: „Ich halte Beteiligung für den Schlüssel zur erfolgreichen Digitalisierung der Kommunen. Beteiligung verstanden als Kommunikation, Wissenstransfer und Befähigung. Das Setting ist zweitrangig. Das gestern war ein wahrer „Nukleus“ der Beteiligung – auf jeden Fall weiterdenken/-machen. Wenn ich einen Beitrag leisten kann, immer gerne. Ich trage das erst einmal in andere Städte…“

Sigrid Hofmaier, 30. Januar 2019

Editorial

Hauptsache gesund!?

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Jahreswechsel-Gedankenzu einem unbedachten Wunsch

 „Wenn die gute Fee dir einen Wunsch –nur einen! – erfüllen würde, was würdest du dir wünschen?“ Diese Frage stelle ich Interviewpartnern gerne am Ende des Gesprächs. Und in 95 Prozent aller Fälle lautet die Antwort: „Gesundheit!“ Meistens spontan, hin und wieder nach einigem Überlegen, aber nie zweifelnd. Und interessanterweise von Menschen jedes Alters. Vom 64-jährigen Oberkellner, der seit über 40 Jahren ebenso treu wie leidenschaftlich seinen Dienst am Gast versieht, wie von der 15-jährigen Rollkunstläuferin, die ihr junges Leben der Disziplin auf Rollen verschrieben hat. Sie will Europameisterin werden und wünscht sich – Gesundheit von der Fee. Er will noch möglichst lange seine Stellung in der Sterne-Gastronomie halten und wünscht sich – Gesundheit.

Als ich vor einigen Jahren damit anfing, diese Frage zu stellen, war es ein Spiel. Jetzt ist Ernst daraus geworden, denn ich mache mir zunehmend Gedanken, was wir eigentlich meinen, wenn wir zum Geburtstag „Glück und vor allem Gesundheit“ wünschen. Wenn wir zum neuen Jahr „Alles Gute – und Hauptsache, du bleibst gesund!“, sagen. Denken wir darüber nach, was wir da sagen oder ist es nur eine Floskel, die wir gehört haben und nachplappern? Was ist mit denen, die krank sind und wissen, dass sie ihre Gesundheit nicht wiedererlangen werden? Wie müssen sie sich fühlen in einer Gesellschaft, die Gesundheit als Ersatzreligion feiert? Was meinen wir, wenn wir über „Inklusion“ sprechen und sie im Kleinen, im Alltag, in unserem Sprechen und Handeln nicht leben?

Ich meine: Wir sollten achtsam umgehen mit dem, was wir sagen und wie wir meinen, was wir sagen oder gar wünschen. Das wünsche ich mir für das neue Jahr!

Editorial

Generation Babyboomer meets Generation Y

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Ich bin jetzt 36, verheiratet, zwei Kinder und in Vollzeit erwerbstätig, damit befinde ich mich mitten drin im Leben, neudeutsch auch als die Rushhour of Life bezeichnet. Gedrängt und angespornt von uralten und neuen Erwartungen versuche ich zumindest ansatzweise die wichtigen Dinge in meinem Leben richtig geordnet unter einen Hut zu bringen; ein täglicher Spagat zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit, die drohende Altersarmut, den Rechtsruck und fast am schlimmsten: immer den Selbstoptimierungswahn vor Augen.

Meine Mutter war in diesem Alter mit drei Kindern nicht erwerbstätig, erst mit der Trennung durchlebte sie dann voll das Vereinbarkeitsproblem, holte ihren Studienabschluss nach und startete in die Erwerbsarbeit, sie hat die Kurve spät bekommen, aber uns drei Töchtern durch ihren Weg unmissverständlich die Mahnung erteilt: Nie abhängig werden, erst recht nicht von einem Mann.

Wo alte Abhängigkeiten mittlerweile längst passé sind, erlebe ich neue, subtilere Ansprüche. Das Vereinbarkeitsmantra ist fest verankert. Frau hat das nur zu wollen, hört bloß auf mit den Klagen.

Die Vorstellungen meiner Großeltern, als Erzählungen vom Großen Anpacken und Aufsteigen direkt nach dem Krieg können mir keine Orientierung mehr bieten, auch die unvoreingenommene Experimentierfreude meiner Eltern, mit Lebensentwürfen um einen esoterischen Öko-Kommunismus herum, Reformpädagogik, Impfkritik und Ahnungslosigkeit in finanziellen Dingen sind für mich weitgehend erledigt. Aufgewachsen in der Sorglosigkeit der sogenannten geschichtslosen Nullerjahre habe ich mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Protest geübt, die Zuschreibung Generation Golf, X, unpolitische Jugend, konnte ich daher nie teilen, ich bin Jahrgang 82 und damit schon Generation Y. Mein Interesse an Sozialphilosophie und Wirtschaftspolitik führte mich aber zunächst zu der monokulturellen Wirtschaftswissenschaft, aus dem vielleicht naiven Wunsch heraus, die Sache vom Ende her angehen zu wollen: Restriktionen, bzw. die Narrative der Knappheit genauer unter die Lupe zu nehmen, um dann besser auf eine erfolgreiche gesellschaftliche Architektur hinwirken zu können. Den passenden Job dazu muss ich mir noch entwerfen.

Später lernte ich über meinen Mann viele ostdeutsche Lebensgeschichten kennen, die zunächst häufig im Widerspruch zu meinen bisherigen Vorstellungen und meiner politischen Sozialisation standen. In der neuen Familie gab es fast alles, vom strammen SEDler bis zur katholischen Trutzburg, viel Pragmatismus und deutlich weniger Idealismus. Auch diese Begegnungen halfen mir, jenseits von Links-Rechts-Schemata eine komplexere liberale Sichtweise zu entwickeln.

Was ich mir bewahrt habe: Das Träumen von einer besseren Zukunft…

Gudrun Kaufmann, geb. 1982

Editorial

Zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort

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Ich bin jetzt 62. Ein Alter, in dem meine Großmutter – wahrscheinlich nicht nur in meinem damaligen Kinderblick – eine alte Frau war. Kein Wunder: 1901 geboren, hat sie als Kind dem Kaiser zugejubelt, den 1. Weltkrieg als Teenager erlebt, einen jungen Mann kennen- und liebengelernt, geheiratet, Ende der 1920er und Mitte der 1930er Jahre zwei Kinder bekommen und mitten in Berlin den 2. Weltkrieg überlebt. Zeit für sich selbst, für ihre Begabungen und Potentiale hat sie bis in ihre Fünfziger Jahre kaum gehabt. Und dann kam ich und sie sorgte anstelle meiner sehr jungen Eltern für mich…

Meine Mutter ist 1935 geboren. Zeit ihres Lebens war sie zerrissen zwischen Neigung und Pflicht, Kreativität und gesellschaftlichen Zwängen. Nur punktuell schaffte sie eine Balance, oft war ihr die Familie ein Hindernis. Den Auf- und Durchbruch zu einem eigenen, selbstbestimmten Leben hat sie nach Trennung und Scheidung mit Mitte 50 durch eine selbstgewählte und unglückliche Abhängigkeit selbst be- und verhindert…

Der Besuch des Gymnasiums war für mich ebenso selbstverständlich wie die anschließende Weigerung, elterliche Erwartungen zu erfüllen. Reisefreiheit auf dem eigenen Weg und innerhalb Westeuropas – ohne ernstzunehmende Grenzen und entsprechende Kontrollen.

Der Besuch des Gymnasiums war für mich ebenso selbstverständlich wie die anschließende Weigerung, elterliche Erwartungen zu erfüllen. Reisefreiheit auf dem eigenen Weg und innerhalb Westeuropas – ohne ernstzunehmende Grenzen und entsprechende Kontrollen.

Trotz heftiger privater Turbulenzen in meinem bisherigen Leben, fühle ich mich heute in einer höchst privilegierten Situation: beruflich selbstständig, privat selbstbestimmt, sozial eingebunden, wahrgenommen, wertgeschätzt, gesund. Vieles davon habe ich selbst gesteuert, anderes ist mir zugefallen – und zwar im Wortsinn: Durch Zufall bin ich in einer bis heute stabilen Demokratie geboren, zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort…

Sigrid Hofmaier, geb. 1956