Alter

Der rote Faden

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Ein Abend mit Dieter Bednarz im Glashaus Rieselfeld

Ein „roter Faden“ ist ebenso wichtig wie Offenheit, Neugier und Toleranz: Wer noch staunen kann, der ist nicht alt. Das ist die Quintessenz eines Abends mit Dieter Bednarz im Rieselfelder Glashaus. Eloquent und amüsant trägt der ehemalige SPIEGEL-Korrespondent, Jahrgang 1956, seine Erlebnisse auf der Suche nach gelingendem Älterwerden vor. Bednarz scheut sich nicht, die Verletzungen offenzulegen, die die Erkenntnis, eben nicht auf ewig der unersetzliche Mitarbeiter eines weltbekannten Magazins zu sein, hinterlassen hat. Ein langer Weg vom strahlenden Helden zur Wahrnehmung „Jetzt bist du alt“…

Nach launigem Einstieg mit (etwas zu selbstverliebten) Plaudereien aus dem privaten Nähkästchen, über späte Heirat, das Vaterwerden mit 50 und die damit verbundenen Mühen (bezeichnender Buchtitel „Überleben an der Wickelfront“), kriegt Dieter Bednarz dann doch noch die Kurve zum zentralen Thema: Wie schafft man(n) es, das eigene Älterwerden nicht nur zu akzeptieren, sondern dem dritten und vierten Lebensabschnitt eine eigene, eine neue und lohnende Qualität abzugewinnen? Eigentlich hätte Bednarz ja schon noch „einige Ideen, wie man die Welt retten kann“ gehabt, doch der neue Chef lockte: „Unsere Vorruhestandmodelle, die guckst du dir nochmal an…“ Bednarz‘ Erkenntnis: „Er sprach über die Vergangenheit, ich über die Zukunft.“ Diese Kluft zwischen Perspektive und Retrospektive eröffnete ihm eine andere Wahrnehmung der Realität: „60 ist mehr als eine Zahl.“ In der Tat: Positiv konnotiert ist die 50prozentige Ermäßigung der BahnCard, ambivalent der ermäßigte Eintritt in den Freizeitpark – noch dazu begleitet vom Kommentar der Ehefrau: „Der Papa ist jetzt so alt, dass er die eine oder andere Vergünstigung bekommt.“ Eher ernüchternd die Einsicht, dass das Altwerden gerade erst beginnt.

Wer auch immer Dieter Bednarz den Tipp gab, mit persönlicher Note über das Alter zu schreiben – das war der Auslöser für sein Buch „Zu jung für alt“, das er an diesem Abend auf Einladung von Charly Strödter innerhalb der Veranstaltungsreihe „Leben – Stadt – Alter“ vorstellte. Aus seinen Begegnungen mit unterschiedlichen Experten fürs Älterwerden – von Silke van Dyk in Jena über Professor Tesch-Römer vom Deutschen Zentrum für Altersfragen e.V. in Berlin bis zu Ex-Fußball-Nationalspieler Philipp Lahm, der eine Stiftung für Sport und Bildung gegründet hat – kristallisierten sich drei Sichtweisen auf das Alter heraus:

  • Alter als neutrales Ereignis: Menschen dieser Kategorie bereiten sich rechtzeitig auf ein gesundes bewusstes Altwerden vor
  • Alter als Gewinn: Zwänge verschwinden, die Zeit lässt sich selbstbestimmt gestalten, auch Arbeitslose profitieren – die Rente ist das geringere Stigma.
  • Alter als Verlust: Die tragende und identitätsstiftende Berufsrolle fällt weg, eine Alternative muss erst noch gefunden werden.

Tipps für gelingendes Älterwerden hat Dieter Bednarz auch parat: Weiten Sie Ihren Blick und erkennen Sie die Vorteile des Alters. Netzwerke erleichtern den Übergang in den Ruhestand. Suchen Sie sich ein identitätsstiftendes Hobby. Lebenslanges Lernen für die inhaltliche Erfüllung. Anknüpfen an verschüttete Talente. Alles richtig, aber leichter gesagt als getan. Nicht zuletzt belastet der Abschied von alten Träumen, bevor man loslassen und Neues erproben kann. Wenn man überhaupt kann – kurz vor der anschließenden Podiumsdiskussion besinnt sich Dieter Bednarz auf seine eigene saturierte Stellung: Wir sollten uns stets bewusst sein, wie privilegiert wir sind, überhaupt hier sitzen und über unser Älterwerden nachdenken zu können.

Auch wenn Vorträge dieser Art zum (Nach-)Denken anregen, wäre es wünschenswert, den Austausch zu suchen: Welche Erfahrungen haben die Menschen im Saal mit dem eigenen Älterwerden gemacht? Wie gehen sie mit dem Verlust vitaler körperlicher und geistiger Funktionen um und wie individuell wird dieser Prozess erlebt? Wie findet man den zitierten „Kontakt zum inneren Kind“ wieder? Wie kann man „Veränderungen als Möglichkeiten erkennen“? Wie lassen sich innere Beweglichkeit und Lebendigkeit (wieder)finden? Und nicht zuletzt: Wie fühlt sich die „Freiheit“ an, wenn man in prekären Verhältnissen lebt?

Was jede*r Einzelne aus dem Älterwerden macht – das wäre spannend gewesen, zu erfahren. Chancen und Möglichkeiten gibt es genug. Mann und Frau müssen sie „nur“ finden!

Sigrid Hofmaier, 13. April 2019

Dieter Bednarz, Zu jung für alt – Vom Aufbruch in die Freiheit nach dem Arbeitsleben, Edition Körber, 19 Euro

Alter

Ich glaube an das Alter

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Ich glaube an das Alter,“ schrieb Rainer Maria Rilke am 13. Dezember 1905 an seinen Freund Arthur Holitscher. Denn „Arbeiten und Altwerden,“ führt Rilke aus, „das ist es, was das Leben von uns erwartet.“

Im alltäglichen Verständnis klingt „Arbeiten und Altwerden“ als Erwartung an das Alter banal, konservativ, ja fast sogar rückwärtsgewandt. Aber Rilke war nichts von dem, und wenn er von den Erwartungen des Lebens an den Menschen schreibt, ist er zu seiner Zeit einer der Modernsten (und ist das meiner Meinung nach auch fast 100 Jahre nach seinem Tod geblieben). Denn in der Folge führt Rilke aus, was er Spektakuläres nach dem „Arbeiten und Altwerden“ erwartet von dem er denkt, dass es die Erwartungen des Lebens so gut erfüllt:

Und dann eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen, nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber zusammenhängen mit Fernem und Unsagbarem, bis in die Sterne hinein.“

Im Klartext: Rilke sieht ältere Menschen als Anfänger an! Und durch dieses Anfangen arbeiteten sie sich besser als die Jüngeren zum Verständnis, zur Liebe und zum Ahnen vor. Der geliebte, geahnte und verstandene Ort der Älteren hängt aber mit Fernem und Unsagbarem zusammen. Das Ferne und Unsagbare wiederum erblickt Rilke im Licht der Sterne. Unendliche Ferne also und weitere Dinge, die nur negativ zu beschreiben sind wie: Un-sagbares, Un-begreifliches, Un-gewusstes…ja wahrscheinlich meint er damit Absolutes, Übermenschliches oder Transzendentes, das uns anleitet und vorantreibt und unserem Streben eine Richtung gibt.

Nachdem Du Dir über das Editorial dieses Rundbriefs im April 2019 den Kopf zerbrochen hast, solltest Du es heute Abend nicht versäumen unter den gestirnten Himmel zu treten. Versuche nachzuvollziehen, was Rilke in seinem Aphorismus gemeint haben könnte. Für die Zuschrift Deiner Antworten bin ich sehr dankbar.

Nils Adolph

P.s.: Das ganze Zitat lautet: Ich glaube an das Alter, lieber Freund, Arbeiten und Alt-werden, das ist es, was das Leben von uns erwartet. Und dann eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen, nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber zusammenhängen mit Fernem und Unsagbarem, bis in die Sterne hinein. (Rainer Maria Rilke an Arthur Holitscher, 13.Dez. 1905) und gefunden habe ich es hier.

Alter

Man muss sich täglich selbst retten

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Alles altert von Geburt an – das ganze Leben lang. Für manche ist Altern ein Abwehrkampf gegen die Zumutungen des Lebens. Sie wollen Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares, vielleicht zufällig Erscheinendes oder absichtlich Boshaftes bewältigen. Für andere ist Altern durch herbe Enttäuschungen gekennzeichnet, durch die sie bestenfalls gewachsen sind und sich entwickelt haben. Wieder andere auf am anderen Ende eines Spektrums, erfahren sich als Glückselige die jedes Alter als ein an Empathie reiches Gestalten und freudvolles Pflegen erleben dürfen.

In jedem Fall – und da stimme ich ganz mit dem alten Cicero überein – ist jedem Alter seine ihm eigene Herausforderung eigen. Im höheren Alter wird die Herausforderung zunehmend in den dokumentierten Akten des eigenen Lebens oder im befriedigenden Zugang zur eigenen Spiritualität gesucht. Für Jüngere bestehen die Herausforderungen altersgemäß vielleicht im Zähne kriegen, Schnuller ablegen oder eigene Identität entwickeln. Bestimmt kann all dies weder als schwerer noch als leichter gewertet werden.

Verbindliche zwischenmenschliche Beziehungen helfen, die Herausforderungen in jedem Alter besser anzunehmen und gelingend zu wenden. Solche helfenden Beziehungen sind von Vertrauen in das Gegenüber und gegenseitige Freude getragen. Sie als nahe, das heißt notwendig als intime und informelle Beziehungen erfolgreich aufzubauen und zu pflegen, stellt eine Herausforderung dar, die jedes Alter überdauert.

Und wenn wir schließlich bewältigend, kämpfend oder glücklich im höheren Alter angekommen sind, wenn der Sterbeprozess als letzte Altersherausforderung ansteht, der in seiner Vollendung notwendig mit „Nein!“ endet, was dann? „Na dann“, antworte ich meinem fast vierjährigen Philosöhnchen, „dann hört das Altern auf.“ Aber was hört da genau auf an jenem Tag X, von dem manche meinen, dass er bereits mit unserer Geburt vorherbestimmt ist? Das kann kein lebender Mensch wissen. Denn Lebende trennt zumindest die Sprache von den Toten, die bekanntermaßen schweigen.

Nils Adolph

Dossier

Erkenntnisse über Heimat

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Dokumentation eines Gesprächscafés zum Thema „Heimat“

Acht Personen sitzen beim DNA-Gesprächscafé am 10. Februar 2019 zum Thema „Heimat“ beisammen. Einige Teilnehmende (mehrheitlich Frauen zwischen Mitte 50 und 80 Jahren) haben Lieder mitgebracht, die sie an ihre Heimat erinnern. Wir hören „Imagine“ von den Beatles und wundern uns, dass ausgerechnet 8 Menschen zusammengekommen sind, die familiäre Verbindungen zu Ostpreußen oder Schlesien haben.

Heimaten im Widerspruch werden durch Liebe vermittelt

„Heimat kann man nicht konstruieren. Sie muss wachsen. Wenn man nicht bereit ist, etwas dafür zu tun, dann wird das nix.“ Diesen druckreifen Satz spricht eine der Teilnehmerinnen aus und fügt dann scheinbar widersprüchlich hinzu: „Ich muss nicht eine Heimat haben.“ Nachdem wir ein Lied von Osho angespielt haben – „Home is where my heart is“ – wird das klarer: Heimat kann auch überall unterwegs mit mir sein. Je nachdem, ob mein geliebter Partner/meine Partnerin mit mir zusammen unterwegs ist. Die Heimat kann jedoch genauso auch zu Hause abwesend sein, wenn dort keine Heimat wachsen kann.

Heimatwurzeln wachsen lassen und erkennen

Heimat, die wächst, muss Wurzeln treiben. Sie sollte im Idealfall leicht zu säen und froh zu ernten sein. Wir spielen das Lied „Marieke“ von Klaus Hoffmann“ und erinnern uns – teilweise unter Tränen – daran, dass sich Heimatwurzeln in geliebten, aber entfernt lebenden Menschen gebildet haben, in Landschaften und Kulturen. Etwas vom Wind der Kindheit, vom Wetter, vom Wald, von der Mentalität und Sprache der vergangenen Heimaten ist gefühlt in unserer Runde anwesend. Später erinnert sich eine Teilnehmende daran, wie sie an Weihnachten alleine am Strand eines Weltmeeres saß und sehnsuchtsvoll „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen hat. Ihr wurde klar, dass Heimat etwas Vertrautes ist. Etwas, das sie in der Fremde schmerzlich vermisste. Wer also etwas über Heimat lernen will, befremde sich!

Gebrochene deutsche Heimaten als Chance

Viele von uns kennen auch die gebrochene deutsche Heimat. Eine der Teilnehmenden bringt es auf den Punkt: „Wir haben Sehnsucht nach Gemeinschaft, aber hassen Konformität.“ Danach lauschen wir dem Lied „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ von Zupfgeigenhansel und eine lebensweise ältere Frau spricht von ihrer ersten und zweiten Heimat. Damit Heimat an jedem Ort neu entstehen kann, fordert sie Offenheit und Neugierde gegenüber den Andersdenkenden. Insofern, denkt der Philosoph in mir, muss ich mich wagemutig auf andere einlassen und kann dann Heimat als geschenkt bekommen, aber nicht einfordern.


Dossier

Heimaten

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Für mich gibt es mindestens drei Heimaten.

1. Heimat
Hier und heute soll Heimat für mich eine gelungene Entscheidung sein. Bis zum Ende meines eigenen Lebens kann ich mich richtig oder falsch entscheiden, für oder gegen eine Heimat. Trotz meiner Entscheidungsgewalt muss ich jedoch ebenfalls berücksichtigen, dass auch Sachverhalte die ich nicht entscheiden konnte (zum Beispiel unbewusste, passive, vorgeburtliche etc.) relevante Entscheidung bezüglich meiner Heimat sind. Diesen Gedanken illustriere ich gerne etwas krasser – mit der Flucht meines Opas aus seinem schlesischen Geburtsort.

2. Heimat
Dass auch mein Opa sein Geburtsland nicht automatisch als »Heimat« empfinden musste (obwohl er es, glaube ich, tat), wird anhand Heinrich Heines Gedicht Die schlesischen Weber deutlich. Dort heißt es:

„Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande.“

Opas Entscheidung vor dem Krieg, seine Gebrochenheit nach dem Krieg (er lebte in einer Heimat, in der er eigentlich nicht leben wollte, und träumte von einer Heimat, die es so nicht mehr gab) spielen ebenfalls in das hinein, was ich »Heimat« nenne. Ich kannte ihn und kenne das – beispielsweise fahre ich Auto, obgleich ich weder Vergasen noch Explosionsmotoren oder Kollateralschäden mag.

3. Heimat
»Heimat« ist für mich – ziemlich unabhängig von politisch-juristischen Definitionen oder Abstammungsprinzipien – ein subjektives Empfinden. Bei Wikipedia versucht man gewieft mein Empfinden in kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und zeiträumlichen Dimensionen zu fassen. Gleichgültig, wie genau: Ich freue mich Heimat bei „Die Neuen Alten“ und der inklusiven Sozial- und Seniorengenossenschaft SAG ES! zu empfinden und beim Gedanken an die Utopie dahinter: das Gegenüber als liebenden Menschen sehen dürfen.

Nils Adolph

Dossier

Heimat Adelheid 4

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„Heimat ist der Ort, an dem man gebraucht wird; an dem man akzeptiert wird –
mit all seinen Schwächen, Illusionen und Hoffnungen.

Ali Samadi Ahadi (iranischer Filmemacher, u.a. „Salami Aleikum“)

Eigentlich bin ich ständig im Urlaub, lebe permanent in einer Ferienwohnung. So apostrophieren viele Besucher*innen meine Wohnsituation. Was meinen sie damit? „Hier ist alles so anders als bei mir daheim“, sagen sie. „Wie denn?“, frage ich. „So offen, sagen sie, so unkompliziert und frei.“ Exakt. Genauso fühle ich mich hier: offen, unkompliziert und frei – und darüber hinaus gesehen, geborgen, sicher. Und bürgerschaftliche engagiert wie viele hier.

Mag sein, dass ich bei geöffnetem Fenster an meinem Schreibtisch sitze und jemand auf dem Laubengang vorbeikommt. Kleine und große Leute, manche beladen mit Einkäufen, andere auf dem Weg zur Arbeit, zum nahegelegenen See oder „einfach so“. Sie grüßen oder nicht, halten ein Schwätzchen oder nicht. Ich sitze da – im Schlafanzug oder alltagstauglich – und freue mich, dass ich allein und in Gemeinschaft SEIN kann.

Im Treppenhaus begegnen mir Menschen, die ich mag. Ich gieße die Blumen der Nachbarn, sie geben meinen Pflanzen Wasser. Im Sommer frühstücken wir sonntags miteinander am großen Tisch im gemeinsamen Garten. Manchmal grillen wir zusammen, feiern Feste in einem der Gemeinschaftsräume oder auf dem Platz.

Und Klein-Felix ruft in all seiner morgendlichen Begeisterung durch den Laubengang: „Hallo Sigrid, was machst du heute?“ Lebendig, leise, laut und nie langweilig. Wie das Leben. Seit fast 10 Jahren lebe ich hier, in der Hausgemeinschaft Adelheid4 im Rieselfeld. Und erstmals in meinem Leben kann ich mit dem Begriff „Heimat“ etwas anfangen. Adelheid4 = Heimat.

Sigrid Hofmaier

Digitalisierung

Die Vorglühfunktion der Älteren

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DNA-Netzwerkgespräch zum Thema „Digitale Transformation“ mit 25 aktiven Teilnehmer*innen

Was für ein interessanter Abend! Darüber waren sich alle einig:

  • die jungen Programmierer aus dem Hochschul-Umfeld, die das digitale Nachbarschaftsprojekt „SoNaTe“ vorstellten,
  • die alten Hasen, die das bereits seit 20 Jahren bestehende – und international von über 16.000 Menschen genutzte – Portal „Seniorentreff“ von Merzhausen aus betreuen,
  • der digitale Basisansatz von „Frag Moritz“ und „Frag Anne“ im „aufLaden“ von Kommunikation & Medien e.V. und
  • die Talente- und Hilfe-App „imachs“ eines grenzüberschreitenden Trios junger Medieninformatiker.

Spannende Projekte mit Gelingenspotential für die ergänzende Kommunikation zwischen Menschen in Nachbarschaften, Quartieren und Regionen.

Grenzen übrigens gab es an diesem von DNA – DIE NEUEN ALTEN angestoßenen Netzwerkgespräch nicht! Weder Alter noch Vorkenntnisse, Status oder Amt spielten eine Rolle, alle konnten ihre Fragen stellen, ihr Anliegen schildern, ihre Freude über die globalisierten Chancen gegen Einsamkeit und ihre Besorgnis über die Ausmaße der Digitalisierung im täglichen Leben äußern. Alle wurden gesehen, gehört, ernstgenommen. So geht Netzwerken auf Augenhöhe und mit Vorfreude auf alles, was so möglich werden könnte!

Die ältere Generation – so ein jüngerer Teilnehmer, habe dabei eine „Vorglühfunktion“, dürfe sich nach vorne wagen und den Jüngeren ehrliche, authentische, echte Räume öffnen – denn: „Der digitale Raum ist voller Unechtheiten“ und „Identität ist das Gegengewicht der Globalisierung.“

Räume sind entscheidend für Begegnung – sei es digital oder analog. Darüber waren sich die Beteiligten einig. Nur so kann zusammenfinden, was zusammenpasst. So lautet denn auch ein vielbeklatschter Wunsch: Austausch leben, Erfahrungen sammeln, Synergien entwickeln. Das Fazit eines Teilnehmers: „Ich halte Beteiligung für den Schlüssel zur erfolgreichen Digitalisierung der Kommunen. Beteiligung verstanden als Kommunikation, Wissenstransfer und Befähigung. Das Setting ist zweitrangig. Das gestern war ein wahrer „Nukleus“ der Beteiligung – auf jeden Fall weiterdenken/-machen. Wenn ich einen Beitrag leisten kann, immer gerne. Ich trage das erst einmal in andere Städte…“

Sigrid Hofmaier, 30. Januar 2019

Editorial

Hauptsache gesund!?

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Jahreswechsel-Gedankenzu einem unbedachten Wunsch

 „Wenn die gute Fee dir einen Wunsch –nur einen! – erfüllen würde, was würdest du dir wünschen?“ Diese Frage stelle ich Interviewpartnern gerne am Ende des Gesprächs. Und in 95 Prozent aller Fälle lautet die Antwort: „Gesundheit!“ Meistens spontan, hin und wieder nach einigem Überlegen, aber nie zweifelnd. Und interessanterweise von Menschen jedes Alters. Vom 64-jährigen Oberkellner, der seit über 40 Jahren ebenso treu wie leidenschaftlich seinen Dienst am Gast versieht, wie von der 15-jährigen Rollkunstläuferin, die ihr junges Leben der Disziplin auf Rollen verschrieben hat. Sie will Europameisterin werden und wünscht sich – Gesundheit von der Fee. Er will noch möglichst lange seine Stellung in der Sterne-Gastronomie halten und wünscht sich – Gesundheit.

Als ich vor einigen Jahren damit anfing, diese Frage zu stellen, war es ein Spiel. Jetzt ist Ernst daraus geworden, denn ich mache mir zunehmend Gedanken, was wir eigentlich meinen, wenn wir zum Geburtstag „Glück und vor allem Gesundheit“ wünschen. Wenn wir zum neuen Jahr „Alles Gute – und Hauptsache, du bleibst gesund!“, sagen. Denken wir darüber nach, was wir da sagen oder ist es nur eine Floskel, die wir gehört haben und nachplappern? Was ist mit denen, die krank sind und wissen, dass sie ihre Gesundheit nicht wiedererlangen werden? Wie müssen sie sich fühlen in einer Gesellschaft, die Gesundheit als Ersatzreligion feiert? Was meinen wir, wenn wir über „Inklusion“ sprechen und sie im Kleinen, im Alltag, in unserem Sprechen und Handeln nicht leben?

Ich meine: Wir sollten achtsam umgehen mit dem, was wir sagen und wie wir meinen, was wir sagen oder gar wünschen. Das wünsche ich mir für das neue Jahr!

Editorial

Generation Babyboomer meets Generation Y

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Ich bin jetzt 36, verheiratet, zwei Kinder und in Vollzeit erwerbstätig, damit befinde ich mich mitten drin im Leben, neudeutsch auch als die Rushhour of Life bezeichnet. Gedrängt und angespornt von uralten und neuen Erwartungen versuche ich zumindest ansatzweise die wichtigen Dinge in meinem Leben richtig geordnet unter einen Hut zu bringen; ein täglicher Spagat zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit, die drohende Altersarmut, den Rechtsruck und fast am schlimmsten: immer den Selbstoptimierungswahn vor Augen.

Meine Mutter war in diesem Alter mit drei Kindern nicht erwerbstätig, erst mit der Trennung durchlebte sie dann voll das Vereinbarkeitsproblem, holte ihren Studienabschluss nach und startete in die Erwerbsarbeit, sie hat die Kurve spät bekommen, aber uns drei Töchtern durch ihren Weg unmissverständlich die Mahnung erteilt: Nie abhängig werden, erst recht nicht von einem Mann.

Wo alte Abhängigkeiten mittlerweile längst passé sind, erlebe ich neue, subtilere Ansprüche. Das Vereinbarkeitsmantra ist fest verankert. Frau hat das nur zu wollen, hört bloß auf mit den Klagen.

Die Vorstellungen meiner Großeltern, als Erzählungen vom Großen Anpacken und Aufsteigen direkt nach dem Krieg können mir keine Orientierung mehr bieten, auch die unvoreingenommene Experimentierfreude meiner Eltern, mit Lebensentwürfen um einen esoterischen Öko-Kommunismus herum, Reformpädagogik, Impfkritik und Ahnungslosigkeit in finanziellen Dingen sind für mich weitgehend erledigt. Aufgewachsen in der Sorglosigkeit der sogenannten geschichtslosen Nullerjahre habe ich mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Protest geübt, die Zuschreibung Generation Golf, X, unpolitische Jugend, konnte ich daher nie teilen, ich bin Jahrgang 82 und damit schon Generation Y. Mein Interesse an Sozialphilosophie und Wirtschaftspolitik führte mich aber zunächst zu der monokulturellen Wirtschaftswissenschaft, aus dem vielleicht naiven Wunsch heraus, die Sache vom Ende her angehen zu wollen: Restriktionen, bzw. die Narrative der Knappheit genauer unter die Lupe zu nehmen, um dann besser auf eine erfolgreiche gesellschaftliche Architektur hinwirken zu können. Den passenden Job dazu muss ich mir noch entwerfen.

Später lernte ich über meinen Mann viele ostdeutsche Lebensgeschichten kennen, die zunächst häufig im Widerspruch zu meinen bisherigen Vorstellungen und meiner politischen Sozialisation standen. In der neuen Familie gab es fast alles, vom strammen SEDler bis zur katholischen Trutzburg, viel Pragmatismus und deutlich weniger Idealismus. Auch diese Begegnungen halfen mir, jenseits von Links-Rechts-Schemata eine komplexere liberale Sichtweise zu entwickeln.

Was ich mir bewahrt habe: Das Träumen von einer besseren Zukunft…

Gudrun Kaufmann, geb. 1982

Editorial

Zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort

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Ich bin jetzt 62. Ein Alter, in dem meine Großmutter – wahrscheinlich nicht nur in meinem damaligen Kinderblick – eine alte Frau war. Kein Wunder: 1901 geboren, hat sie als Kind dem Kaiser zugejubelt, den 1. Weltkrieg als Teenager erlebt, einen jungen Mann kennen- und liebengelernt, geheiratet, Ende der 1920er und Mitte der 1930er Jahre zwei Kinder bekommen und mitten in Berlin den 2. Weltkrieg überlebt. Zeit für sich selbst, für ihre Begabungen und Potentiale hat sie bis in ihre Fünfziger Jahre kaum gehabt. Und dann kam ich und sie sorgte anstelle meiner sehr jungen Eltern für mich…

Meine Mutter ist 1935 geboren. Zeit ihres Lebens war sie zerrissen zwischen Neigung und Pflicht, Kreativität und gesellschaftlichen Zwängen. Nur punktuell schaffte sie eine Balance, oft war ihr die Familie ein Hindernis. Den Auf- und Durchbruch zu einem eigenen, selbstbestimmten Leben hat sie nach Trennung und Scheidung mit Mitte 50 durch eine selbstgewählte und unglückliche Abhängigkeit selbst be- und verhindert…

Der Besuch des Gymnasiums war für mich ebenso selbstverständlich wie die anschließende Weigerung, elterliche Erwartungen zu erfüllen. Reisefreiheit auf dem eigenen Weg und innerhalb Westeuropas – ohne ernstzunehmende Grenzen und entsprechende Kontrollen.

Der Besuch des Gymnasiums war für mich ebenso selbstverständlich wie die anschließende Weigerung, elterliche Erwartungen zu erfüllen. Reisefreiheit auf dem eigenen Weg und innerhalb Westeuropas – ohne ernstzunehmende Grenzen und entsprechende Kontrollen.

Trotz heftiger privater Turbulenzen in meinem bisherigen Leben, fühle ich mich heute in einer höchst privilegierten Situation: beruflich selbstständig, privat selbstbestimmt, sozial eingebunden, wahrgenommen, wertgeschätzt, gesund. Vieles davon habe ich selbst gesteuert, anderes ist mir zugefallen – und zwar im Wortsinn: Durch Zufall bin ich in einer bis heute stabilen Demokratie geboren, zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort…

Sigrid Hofmaier, geb. 1956